
Foto: AWO-Kreisvorsitzender Roman Niederberger freute sich über die intensive Diskussion über den Vortrag von Marcel Seehuber, Vorstand des SauRiassl Syndikats
„Gemeinwohl statt Eigentum“ – unter diesem etwas provokanten Titel hat die Arbeiterwohlfahrt Berchtesgadener Land (AWO BGL) vor kurzem zu einer Informations- und Diskussionsveranstaltung mit dem „SauRiassl Syndikat“ aus Altötting in den Bürgerbräu in Bad Reichenhall eingeladen. Im gut besuchten Europasaal ergab sich eine intensive Diskussion über gemeinschaftliches Wohnen und neue Konzepte, um steigenden Mieten und Grundstücksspekulation Einhalt zu gebieten.
In seiner Begrüßung erinnerte der Kreisvorsitzende der AWO BGL Roman Niederberger daran, dass sich sein Verband schon seit mehreren Jahren mit dem Thema bezahlbarer Wohnraum auseinandersetzt: „Egal, ob es sich um Integration, Inklusion, Nachwuchswerbung in sozialen Berufen oder Schutz vor häuslicher Gewalt handelt – bei all diesen Themen landet man sehr schnell bei der Frage nach einer ausreichenden Versorgung mit Wohnraum, den sich die Menschen auch tatsächlich leisten können“, führte er aus. Deswegen hat die AWO BGL bereits 2023 zu einem Austausch mit anderen Sozialverbänden mit dem Titel „Raum schaffen für Soziales“ eingeladen und will nun mit der Kooperation mit dem „SauRiassl Syndikat“ aus Altötting neue Wege einschlagen. Er begrüßte als Referenten Marcel Seehuber aus dem Vorstand des Syndikats und erklärte gleich zu Anfang den etwas ungewöhnlichen Namen, der sich aus der Form der Umrisse des Landkreises Altötting ergibt und mit dem die eingesessenen Altöttinger ihre Gegend bezeichnen.
Zu Beginn seines Vortrags stellte Marcel Seehuber klar, dass es bei dem Konzept des Syndikats keinesfalls um Enteignung im Sinne der in Berlin geführten Diskussionen geht. „Ein wichtiger Grundsatz lautet bei uns: die Häuser denen, die darin leben. Das ist etwas grundsätzlich anderes als Verstaatlichung oder tausende von Wohnungen in der Hand weniger Konzerne. Wir vergesellschaften das Eigentum von unten und geben es den Menschen in die Hand, die in den Häusern wohnen“, machte er deutlich.
Das Syndikat finanziert sich durch Direktkredite seiner Mitglieder und Unterstützer, ebenso wie durch Bankkredite und hat in der Region Altötting bereits sieben Projekte umgesetzt, bei denen Altbauten saniert und in gemeinschaftliches Eigentum überführt wurden. Konkret heißt das, die Mieterinnen und Mieter sind als Gemeinschaft für ihr Haus verantwortlich; Beschlüsse werden durch die Mietergemeinschaft gefasst; Eigentümerin der Objekte ist die SauRiassl GmbH. „In unserer Region gibt es derzeit Eigenbedarfskündigungen, das war ein Wort, das wir früher gar nicht kannten; die Mietpreise ziehen deutlich an. In unseren Projekten liegen die Mieten deutlich unter den Vergleichsmieten und werden in der Zukunft immer günstiger im Vergleich zum umgebenden Markt; über die Struktur als eingetragener Verein als Träger einer GmbH haben wir Handlungsspielraum und schützen die Objekte zugleich vor dem Verkauf“, erläuterte der Vorstand.
Sehr wichtig ist dem Syndikat auch der Sharing-Gedanke, der sich sowohl bei der Energieversorgung über Eigenstrom als auch bei Verkehrskonzepten mit der gemeinsamen Nutzung von Fahrzeugen widerspiegelt.
In der anschließenden Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, wie die Mieten auf Dauer in Zeiten hoher Kostensteigerungen bezahlbar gehalten werden können. Das Syndikat setze auf möglichst einfache Lösungen, schlanke Verwaltungsstrukturen und die aktive Beteiligung der Mieterinnen und Mieter, antwortete Marcel Seehuber. Deswegen gibt es in den sanierten Objekten beispielweise keinen Aufzug; bei Menschen mit eingeschränkter Mobilität wird nach einer barrierefreien Wohnung im Erdgeschoss gesucht.
Natürlich gebe es in den Mietergemeinschaften auch Konfliktfälle und auch Kündigungen und Räumungen habe es bereits gegeben. Aber das demokratische Konzept der gemeinsamen Verantwortung bewähre sich deutlich besser als es viele erwartet hätten, führt er aus.
Eine Expansion außerhalb der Altöttinger Region sei für das SauRiassl Syndikat nicht geplant; gerne unterstütze man aber neue Initiativen. Auf die Frage, welches Team man dafür braucht, antwortete der Vorstand: „Mindestens drei Leute: jemand mit Organisations- und Kommunikationsfähigkeiten, jemand mit Bauerfahrung und jemand, der sich mit Finanzierung und im besten Fall etwas mit Verwaltung auskennt. Alles kann man lernen und natürlich auch die entsprechenden Fähigkeiten einkaufen.“. An dieser Stelle hakte Roman Niederberger ein: „Wir können als AWO BGL nicht selbst ein solches Projekt im Berchtesgadener Land stemmen. Wir sind aber sehr gerne bereit, entsprechende Initiativen im Landkreis organisatorisch und auch finanziell zu unterstützen und als Ansprechpartner zu dienen“, sagte er zu.
Zum Abschluss der intensiven Diskussion bedankte er sich bei Marcel Seehuber für den engagierten Vortrag und überreichte ihm ein kleines Geschenk aus der Region. Im Anschluss an den offiziellen Teil wurde dann an den Tischen bereits über geeignete Objekte und mögliche erste Initiativen im Landkreis gesprochen.